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Geliebt, gehegt, totgepflegt?

Nutzer: Susanne
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geschrieben am: 11.10.2015    um 16:11 Uhr   IP: gespeichert


Tierschutzarbeit ist ein Wandern zwischen den Extremen. Zum Einen gibt es die Menschen, die sich nicht um ihre Tiere kümmern und man sich die Frage stellen muss, wozu sie überhaupt welche halten.

Die schmissigste Aussage bei der Aufnahme eines solch unbequem gewordenen Hausgenossen ist immer noch: "Die hatte nie etwas, wir mussten noch nie zum Tierarzt". Selbst der Blick des nur halbwegs interessierten Halters offenbart zu lange Krallen, kahle Stellen im Fell, einen kotverschmierten After - um nur die geringsten Anzeichen zu nennen. Was dann beim Tierarztbesuch herauskommt, sind Dinge, bei denen man wirklich nicht mehr weiss, ob man vor Wut schreien oder einfach nur weinen soll.

Das ist unser täglich Brot und es ist hart genug. Und manchmal muss man sich fast fragen, was schlimmer ist, denn es häufen sich Berichte, Anfragen und eMails zum genauen Gegenteil, der Überfürsorge.

So sehr man sich im ersten Moment freuen mag, dass sich ein Halter kümmert und zum Tierarzt geht, wenn etwas nicht in Ordnung scheint, so frustrierend ist nach wenigen Aussagen die Erkenntnis, dass auch hier etwas nicht stimmt. Und zwar ganz und gar nicht.

- Da ist die Halterin, die den ganzen Tag auf allen Vieren hinter ihren Tieren herkrabbelt, um jeden Köttel genau unter die Lupe zu nehmen.

- Oder die Frau, die jede Woche 2 Mal bei ihrem Tierarzt aufschlägt, weil das Tier so einen "komischen" Blick hat - es müsse doch etwas nicht in Ordnung sein.

- Der Mann, der seinem Hund 2 Kopfschmerztabletten gegeben hat, weil dieser sich vermutlich nicht wohl fühlte. Es hat den Hund fast das Leben gekostet.

- Menschen, die anfangen, ihren fleischfressenden Hausgenossen die vegane Ernährung aufzuzwingen.

- Halter, die ihre Tiere nicht in Ruhe fressen lassen und versuchen, jeden Schnipsel des Futters nahezu antiseptisch zu reichen.

- Der Forenbeitrag einer Nutzerin, die sich weigerte, ihren Kaninchen kaltes Wasser zu reichen, denn sie selber "...trinke auch nur lauwarmes Wasser und das kann nicht schlecht sein für meine Tiere."

Die Auflistung können wir bedauerlicherweise endlos fortführen und sie bereitet uns mehr als nur Kopfschmerzen. Wir sind uns im Klaren, dass es "die eine Fibel für hysterische Reaktionen bei augenscheinlichem Unwohlsein meines Tieres" nicht geben kann. Tierhaltung ist "Gefühlssache", Hund ist nicht gleich Hund, Kaninchen nicht gleich Kaninchen. Faust- und Grundregeln gibt es zur Genüge, doch im Fall der Fälle eben nicht.

Und schlimm wird es dann, wenn der Halter Erkrankungen "herbeiguckt". Diese Symptome sind nicht greifbar, können in den meisten Fällen auch nicht konkretisiert werden, da der Halter einfach überreagiert. Wir stehen hilflos davor, werden als herzlos bezeichnet, wenn wir "nicht helfen wollen". Ein Kaninchen hat nunmal einen empfindlichen Verdauungstrakt und im Falle eines Unwohlseins noch mit 7 Medikamenten "draufzuschlagen" findet nicht unsere Zustimmung.

Doch meist sind diese Menschen nicht davon abzubringen, trotz noch so geduldiger Ratschläge, die wir als eine Gruppe erfahrener und auch mit Krankheiten unserer Tiere gebeutelten Halter geben möchten.

"Es muss doch etwas sein mit dem Tier" - meist ist dies eine zu Tage tretende Unsicherheit, ein guter Halter sein zu wollen, doch viel hilft nicht auch immer viel, das ist eine alte Weisheit. Erschwerend kommt hinzu, dass ein kaninchenerfahrener Tierarzt nicht an jeder Ecke zu finden ist. Dieser Umstand führt dazu, dass der überbesorgte Halter nun von Tierarzt zu Tierarzt rennt, aber dann plötzlich zufrieden gestellt ist, wenn der 5. Tierarzt etwas findet. Dann hört es auf mit der kritischen Betrachtung, denn nun endlich wurde ja etwas gefunden. Der Halter fühlt sich bestätigt und verabreicht völlig überzeugt auch 5 verschiedene Medikamente. Ungeachtet dessen, ob diese zur Symptomatik passen oder die Medikamente einander gar ausschliessen. Hauptsache man tut etwas.

Das Gefühl, ein aufmerksamer, aber nicht übervorsichtiger Tierhalter zu sein, ist schwer zu vermitteln und dennoch bemühen wir uns darum jeden Tag. Unser Bestreben ist es, als "Kaninchen-Experten" unseren Tieren das Leben so gut wie möglich und artgerecht wie nur machbar im Rahmen einer Tierhaltung in Gefangenschaft zu schenken.

Hinzu kommt, dass genau diese Halter sich eben nicht angesprochen fühlen, wenn man sie auf Überfürsorge hinweist. Ein sehr frustrierender Umstand. Wem Tierhaltung keine Freude macht, weil sie stresst und die Sorgen schlaflose Nächte bereiten, muss sich fragen, ob er sich und den befellten, beflügelten oder wie auch immer gearteten Wesen etwas Gutes tut.

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  TopZuletzt geändert am: 30.12.2017 um 21:45 Uhr von nursteffi
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Nutzer: Susanne
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geschrieben am: 11.10.2015    um 16:11 Uhr   IP: gespeichert
Bitte denkt einmal darüber nach und betrachtet Eure Tiere mal in einer ruhigen Minute, ohne einzugreifen. Lasst sie das sein, was sie sein wollen - ein jedes Tier nach seiner Art und ganz eigenen Bedürfnissen.

Tiere sind kein Kindersatz, wie man den Schilderungen mancher Halter aber entnehmen muss. Hier wird an die in den letzten Jahren immer bekannter werdenden Helikopter-Eltern erinnert, die ihre Kinder in jeder Minute überwachen und vor allen Erfahrungen bewahren möchten.

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Nutzer: Pocahontas
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Anzahl Nachrichten: 256

geschrieben am: 30.08.2016    um 15:09 Uhr   IP: gespeichert
Das ist ein interessanter Beitrag!

Ehrlich gesagt fühle ich mich sogar etwas angesprochen, als ich meine ersten Kaninchen hatte, war ich oft beim Tierarzt, ich wollte nichts falsch machen und hatte immer tierisch Angst um sie, weil ich mich irgendwie verrückt gemacht habe, durch das viele lesen diverser Krankheiten, die sie kriegen könnten.
Aber dann war ich selbst so gestresst und habe gemerkt das es total unnötig ist und sie Tiere das auch stresst.
Jetzt sind die beiden Kaninchen Senioren und die Angst kehrt wieder, die Angst sie zu verlieren und nicht genug getan zu haben.
Es stresst mich selbst, aber manchmal, weiß man nicht was jetzt richtig ist und was falsch. Das richtige Maß zu finden ist gar nicht so einfach.
Der Austausch mit anderen Haltern hilft da sehr, anders als die von dir beschriebenen Leute bin ich dankbar für jeden Rat und auch für Kritik, das wichtigste sind die Kaninchen für mich und nicht der Zwang unbedingt recht zu haben mit meiner "Erziehung"

Und ja, Tiere können ein Kinderersatz sein, das heißt aber nicht, dass man sie nicht Tier sein lässt, sondern das man sie einfach arg liebt... bei mir ist das jedenfalls so.
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Nutzer: igad
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Anzahl Nachrichten: 12

geschrieben am: 28.09.2016    um 08:41 Uhr   IP: gespeichert
Ich denke, wir haben alle mal angefangen, uns um ein Tierchen zu bemühen und zu kümmern.

Und wir alle haben auch Fehler gemacht (ich auch), mit der (Käfig)Haltung, der Ernährung (Fertigfutter).

Wir alle mußten lernen (ich lerne heute noch dazu), was ist einigermaßen artgerecht für ein Kaninchen.

Meine leben in meiner Wohnung, immer alles offen, 80m²...rund um die Uhr. Ist das artgerecht? Nein...Kaninchen wollen raus, an die frische Luft, buddeln, graben. Das kann ich leider nicht bieten.

Aber viel Platz, viel Aufmerksamlkeit und vor allem viel Liebe. Frisches Futter, und auch einen großen Balkon.

Und bis jetzt wurden alle meine Tiere immer sehr alt.

www.meineseite-meinetiere.de.tl
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